Ev.- Luth. Kirchengemeinde Heiligengeist in Kiel

Aktuelles

1918 – 2018

Nachdenkliches zum Verhältnis von Kirche und Demokratie

Der Schweizer Theologe Karl Barth berichtete im Jahr 1934 rückblickend auf eine knapp zwei Jahrzehnte zurückliegende Begegnung mit dem liberalen Politiker und Theologen Friedrich Naumann: „Ich werde nie vergessen, mit welcher Erhabenheit mir einst im Jahre 1915 Friedrich Naumann wörtlich sagte: ob Heilsarmee oder Islam, darauf komme es jetzt gar nicht mehr an, sondern nur auf die Frage, ob eine Religion es verstehe, die Menschen ‚sterben zu lehren‘.“ Naumanns Haltung war kein Einzelfall. Die Vertreter der Kirchen und Evangelisch-Theologischen Fakultäten standen weithin treu an der Seite der kaiserlichen Kriegspolitik in jener Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts.

Mit den Ereignissen im November des Jahres 1918 und in den darauf folgenden „Kometenjahren“, wie Daniel Schönpflug jüngst diese Zeit „zwischen Enthusiasmus und Enttäuschung, zwischen Zukunftstrunkenheit und Zerstörung“ bezeichnete, sah sich die Evangelische Kirche in Deutschland nun vor eine gänzlich neue Herausforderung gestellt: sie musste ihren Ort innerhalb einer Demokratie bestimmen. Das landesherrliche Kirchenregiment, die enge Verbindung von Thron und Altar, war beendet. In Artikel 137 der Weimarer Reichsverfassung aus dem Jahr 1919 wurde dies mit einem Federstrich Wirklichkeit: „Es besteht keine Staatskirche.“ Die ehemals staatstragende Kirche wurde zu einer „Religionsgesellschaft“ unter anderen: „Die Freiheit der Vereinigung zu Religionsgesellschaften wird gewährleistet. […] Jede Religionsgesellschaft ordnet und verwaltet ihre Angelegenheiten selbstständig innerhalb der Schranken des für alle geltenden Gesetzes. Sie verleiht ihre Ämter ohne Mitwirkung des Staates oder der bürgerlichen Gemeinde. […] Die Religionsgesellschaften bleiben Körperschaften des öffentlichen Rechtes, soweit sie solche bisher waren. Anderen Religionsgesellschaften sind auf ihren Antrag gleiche Rechte zu gewähren, wenn sie durch ihre Verfassung und die Zahl ihrer Mitglieder die Gewähr der Dauer bieten. […] Die Religionsgesellschaften, welche Körperschaften des öffentlichen Rechtes sind, sind berechtigt, auf Grund der bürgerlichen Steuerlisten nach Maßgabe der landesrechtlichen Bestimmungen Steuern zu erheben.“

Dieser Artikel wurde neben anderen in das Grundgesetz der Bundesrepublik übernommen und beschreibt damit bis heute die rechtliche Situation, in der Staat und Kirche existieren. Es hängt vom Blickwinkel ab, ob man dieses Verhältnis als „hinkende Trennung“ (Ulrich Stutz) oder als „freundschaftliche Trennung“ Peter Unruh) bezeichnet. Aus heutiger Sicht ist fraglos deutlich, welche Gestaltungs- und Freiräume sich für kirchliches Handeln auf dieser Grundlage eröffnen.

In den Anfangsjahren der Weimarer Republik vermochte der Protestantismus indes weithin wenig Begeisterung für diese neue Situation aufzubringen. Dazu trugen unterschiedliche Faktoren bei: so waren die Katholiken längst durch die Zentrumspartei politisch vertreten, eine politische Stimme für die Interessen der Protestanten fehlte jedoch. Das Misstrauen in die Sozialdemokratie war groß, nicht zuletzt aufgrund der negativen Symbolfigur des preußischen Kultusministers Adolph Hoffmann, der zu Beginn der Weimarer Zeit auf eine radikale Trennung von Staat und Kirche hinwirkte und etwa für die Erleichterung des Kirchenaustritts sorgte.

In hohem Maße wendeten sich gerade protestantische Kreise der Deutschnationalen Volkspartei zu und damit dem rechtskonservativen Spektrum innerhalb der damaligen Parteienlandschaft, das dem Nationalsozialismus den Weg zur Machtergreifung ebnen sollte. Der weiterhin auf vorgegebene obrigkeitliche Strukturen ausgerichteten politischen Ethik gelang es während der Weimarer Zeit weithin nicht, einen angemessenen Zugang zur Demokratie zu finden. Und so überrascht es kaum, dass die Machtergreifung Hitlers zunächst auch in protestantischen Kreisen auf Zustimmung stieß. Der „Tag von Potsdam“ am 21. März 1933, als symbolische Inszenierung der Verbindung zwischen Nationalsozialismus und preußischer Geschichte, begangen mit Glockengeläut und einem Festakt in der Potsdamer Garnisonkirche, schien Hoffnungen auf eine neue Synthese von preußischer Tradition, Protestantismus und staatlicher Autorität zu bestätigen. Und wenn die Landeszeitung über die am 12. September des Jahres 1933 in Rendsburg tagende Synode der evangelisch-lutherischen Landeskirche der preußischen Provinz Schleswig-Holstein wie folgt berichtet: „Um 12 Uhr bewegten sich die Synodalen, größtenteils im braunen Hemd, in feierlichem Zug durch das Spalier der Formationen der NSDAP zur St. Marienkirche.“ – dann lässt sich erahnen, wie leicht die Evangelische Kirche in die Gefahr geriet, durch das vermeintliche erneuerte Bündnis mit der politischen Macht korrumpierbar zu werden.

Die Augen wurden vielen erst im November des Jahres mit der sog. „Sportpalastkundgebung“ geöffnet. Vor mehr als 20.000 Zuhörern forderte der „Gau-Obmann“ der Deutschen Christen für Groß-Berlin, Reinhold Krause, die Befreiung vom Alten Testament „mit seiner jüdischen Lohnmoral, von diesen Viehhändler- und Zuhältergeschichten“. Er postulierte den Verzicht auf die ganze „Sündenbock- und Minderwertigkeitstheologie des Rabbiners Paulus“ und setzte sich für die Verkündigung eines heldischen Jesus ein.
Der Kirchenkampf zwischen „Deutschen Christen“ und „Bekennender Kirche“ sollte zu einer Zerreißprobe werden. Durchgesetzt hat sich zumindest in der breiteren Öffentlichkeit das Bild einer mutigen Kirche, die bereit zum Widerstand gegen das verbrecherische Regime war und für die insbesondere der am Kriegsende ermordete Dietrich Bonhoeffer zur Identifikationsfigur wurde. Der historischen Betrachtung jedoch hält dies so nicht stand. Das Kernproblem lässt sich am kirchengeschichtlich bedeutsamsten Text jener Zeit zeigen, der „Barmer theologischen Erklärung“ aus dem Jahr 1934. Diese widmet sich in der fünften ihrer sechs Thesen dem Staat: „Barmen 5: Fürchtet Gott, ehrt den König. (1. Petr 2,17) Die Schrift sagt uns, dass der Staat nach göttlicher Anordnung die Aufgabe hat, in der noch nicht erlösten Welt, in der auch die Kirche steht, nach dem Maß menschlicher Einsicht und menschlichen Vermögens unter Andro-hung und Ausübung von Gewalt für Recht und Frieden zu sorgen. Die Kirche erkennt in Dank und Ehrfurcht gegen Gott die Wohltat dieser seiner Anordnung an. Sie erinnert an Gottes Reich, an Gottes Gebot und Gerechtigkeit und damit an die Verantwortung der Regierenden und Regierten. Sie vertraut und gehorcht der Kraft des Wortes, durch das Gott alle Dinge trägt.

Wir verwerfen die falsche Lehre, als solle und könne der Staat über seinen besonderen Auftrag hinaus die einzige und totale Ordnung menschlichen Lebens werden und also auch die Bestimmung der Kirche erfüllen. Wir verwerfen die falsche Lehre, als solle und könne sich die Kirche über ihren besonderen Auftrag hinaus staatliche Art, staatliche Aufgaben und staatliche Würde aneignen und damit selbst zu einem Organ des Staates werden.“
Der Akzent im zweiten Teil, der Verwerfung, liegt fraglos auf der Begrenzung staatlicher Gewalt – der totale Staat, der auch die Existenz einer eigenständigen Kirche gem. Art. 137 der Weimarer Reichsverfassung gefährdete, begeht Unrecht. Dass der Staat als „Anordnung“ verstanden wird, öffnet allerdings gleichwohl die Tür dazu, das alte obrigkeitstreue Staatsverständnis auch auf den neuen Staat zu übertragen. Und in der Tat war der Widerstand gegen den Versuch staatlicher Einwirkung auf die Kirche für viele nicht notwendig mit politischem Widerstand gegen den Nationalsozialismus verbunden. Das Verhältnis zwischen „Bekennender Kirche“ und „Deutschen Christen“ lässt sich darum nicht in einem schwarz-weiß-Schema fassen, sondern nur in einem denkbar weiten Spektrum von Grautönen.
Ein entscheidender Beitrag zur Öffnung für die demokratische Staatsform kam vom eingangs erwähnten Schweizer Theologen Karl Barth: unter dem Titel „Christengemeinde und Bürger-gemeinde“ erschien eine kleine, aus einem im Jahr 1946 während einer Deutschlandreise ge-haltenen Vortrag hervorgegangene Schrift, die bald eine große Verbreitung erfuhr. Barth warb für die Demokratie, die selbst Weggefährten in der Bekennenden Kirche immer noch als „eine Art Popanz“ galt, wie er selbst berichtete.

Barth führte seinen Hörerinnen und Hörern eine Szene der Schweizer Demokratie vor Au-gen: Der Helvetizismus „Bürgergemeinde“ er-innere daran, dass „im schweizerischen Dorf […] oft hintereinander im gleichen Lokal und in Personalunion der Mehrheit aller Beteiligten die Einwohner-, die Bürger- und die Kirch-gemeinde“ tagen. Barth setzte sich in diesem Sinne für den Aufbau elementarer politischer Strukturen in Deutschland ein. An Gustav Heinemann schrieb Barth im selben Jahr, er sehe die christliche Gemeinde dabei zunächst in der Pflicht, „‚Demokratie‘ auf ihrem eigenen Boden […] kennen und exerzieren“ zu lernen – also demokratisch Kirche zu sein.
Vor diesem Hintergrund ließ Barth eine deut-liche Zurückhaltung einer „christlichen Partei“ und öffentlichen Verlautbarungen der Kirche gegenüber erkennen. Vielmehr sei es ihre Aufgabe, Menschen dazu zu befähigen, an ihrem Ort in der Gesellschaft Verantwortung wahr-zunehmen. Dies geschieht für Barth im „Unterscheiden, Urteilen, Wählen, Wollen und Sicheinsetzen“, also einem sehr sachlichen Gestalten, das jedoch einer christlichen Orientierung folgt. Hierzu Christenmenschen zu befähigen und den Aufbau demokratischer Strukturen in der Kirche voranzutreiben, ist für ihn der wichtigste Beitrag der Kirche im Deutschland der Nachkriegszeit.
Ein derart elementarer Neuanfang war bereits damals vermutlich illusorisch. Und die Gründung einer dem Namen nach „christlichen“ Partei konnte Barth auch Konrad Adenauer, den er in der frühen Nachkriegszeit ebenfalls traf, nicht ausreden.

Doch die Evangelische Kirche beheimatete sich in der Demokratie. Allerdings hat sich die Evangelische Kirche in Westdeutschland öffentlich erst im Jahr 1985, also 40 Jahre nach dem Kriegsende, in dem Grundlagentext „Evangelische Kirche und freiheitliche Demokratie. Der Staat des Grundgesetzes als Angebot und Aufgabe“ eingehend mit der Demokratie befasst und diese eindeutig bejaht. Es ist ein spätes Dokument, das aber „als Resümee einer allmählichen Befreundung von Kirche und Demokratie“ (Wolfgang Huber) verstanden werden muss. Seine späte Ausarbeitung war auch der Tatsache geschuldet, dass man in öffentlichen Äußerungen „Rücksicht auf die Situation der Christen im östlichen Teil des Landes nehmen [musste], die sich nicht des Rechts auf freie Meinungsäußerung erfreuen konnten“ (Eduard Lohse). Daher, so der frühere Ratsorsitzende der EKD, habe „die EKD lange Zeit davon abgesehen, grundsätzliche Erklärungen über ihr Verhältnis zur freiheitlichen Demokratie abzugeben“. Nun jedoch wurde für die Bundesrepublik die Verfassungsform des demokratischen Staates eindeutig bejaht, da sie die unantastbare Würde der Person anerkenne und zur Grundlage für die Gestaltung des Gemeinwesens mache.

Der Weg des deutschen Protestantismus in die Demokratie war fraglos weit. Gerade die Evangelische Kirche wird aufgrund ihrer eigenen, höchst ambivalenten Geschichte im Verhältnis zur Demokratie in unserer Zeit eine aufmerksame Begleiterin der politischen Kultur sein. Sie wird Vorbehalte gegenüber Demokratie und Parlamentarismus, die sich heute zeigen, in ihrer eigenen Geschichte aufspüren können und umso klarer Position für diese Verfassungsform als der relativ besten, die wir kennen, beziehen. Sie wird auch gut beraten sein, in ihren öffentlichen Stellungnahmen eindeutig Position für den Menschen und die Wahrung seiner Würde zu beziehen. Sie wird jedoch zugleich auf der Hut sein, sich für bestimmte politische Positionen instrumentalisieren zu lassen bzw. diese religiös zu überhöhen. Kurz: Wir leben und handeln in der „noch nicht erlösten Welt“. Unser „Unterscheiden, Urteilen, Wählen, Wollen und Sicheinsetzen“ als Christenmenschen und als Kirche ist nicht unfehlbar – doch es muss vor Gott und vor den Menschen verantwortbar sein.

Stefan Holtmann


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