Ev.- Luth. Kirchengemeinde Heiligengeist in Kiel

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Beichte für Lutheraner

Gedanken zum bevorstehenden Lutherjahr

Als ich in den 70er Jahren mit dem Studium der Theologie anfing, galten sogenannte Votiv-Kerzenständer in den Kirchen in weiten Kreisen noch als ausgesprochen „katholisch“. Man scheute sich, diese Kerzenständer, bei denen Besucher kleine Lichter als Ausdruck ihres Gebets anzünden können, auch in lutherischen Kirchen aufzustellen. Ebenso verhielt es sich mit Weihrauch, mit Ikonen, mit alten gregorianischen Gesängen und den Beichtstühlen in den Kirchen. Bei den Votivkerzen hat sich die Einschätzung inzwischen verändert, sie genießen mittlerweile auch in evangelischen Kirchen große Beliebtheit wie etwa in der Pauluskirche und St. Ansgar in unserer Gemeinde.

Die Beichte hat im Gegensatz dazu diesen Stimmungsumschwung bisher noch nicht erfasst. Nicht nur die alten knorrigen Beichtstühle mit ihren geheimnisvollen Vorhängen und Sprechgittern, sondern der Vorgang des Beichtens selbst gilt vielen noch immer als Ausdruck katholischer Frömmigkeit oder zumindest nicht gerade als gut lutherisch. Diese Haltung ist jedoch bei genauerer Betrachtung nicht haltbar. Ganz im Gegenteil sogar wird schon 1531 in der Apologie der Confessio Augustana festgehalten, dass die Beichte als eines der drei Sakramente gilt: „Wahrhaft jedoch sind Sakramente die Taufe, das Mahl des Herrn, die Absolution, d.h. das Bußsakrament.“ Und dabei handelt es sich immerhin um die grundlegende Bekenntnisschrift der lutherischen Kirche.

Es ist schon interessant, dass Martin Luther in seiner fundamentalen Kritik an dem religiösen Leben der römischen Kirche vor allem den Zwang skeptisch betrachtete. Egal ob es dabei um die im Tageszyklus festgeschriebenen Gebete ging oder um die angeordnete Teilnahme an der Messe, der Zwang erschien dem Reformator allemal als falsch und ungeeignet, die persönliche Frömmigkeit der Menschen zu formen. In diesem Sinne lehnte er wohl auch den Zwang zur Beichte ab, betrachtete allerdings die Möglichkeit zum Beichten als eine der Säulen des frommen Lebens. Die Chance, seine Sünden im Gespräch aus freiem Willen zu äußern und dafür mit der Absolution eine Freisprechung zu erhalten, schätzte Luther so hoch ein, dass er davon auf keinen Fall lassen wollte. Deshalb legte er vor allem Wert auf die Absolution, die dementsprechend als das „Herzstück“ der Beichte bezeichnet werden kann. Und dabei konnte er sich sogar auf eine Quelle höchster Autorität berufen. Stellen wir – so fragte sich Luther – nicht jedes Mal, wenn wir das Vaterunser sprechen, die Beichte wie auch den festen Glauben an die Absolution hervor, indem wir die Worte sprechen: „Vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern“? Was anderes könnte damit gemeint sein als die feste Überzeugung, dass Gott die Verfehlungen erlässt, die ein reuiger Sünder vor ihn bringt? Insofern war für Luther eindeutig klar, dass die Beichte ein wertvolles Instrument ist, das schon wegen der Absolution „zu Trost der erschrockenen Gewissen, dazu um etlicher anderer Ursachen willen, zu erhalten sei.“

Warum aber ist trotz dieser Wertschätzung durch die Reformatoren zumindest das persönliche Beichten weitgehend aus der Alltagsfrömmigkeit der Lutheraner verschwunden? Geblieben ist lediglich das allgemeine Sündenbekenntnis, das in jedem Abendmahlgottesdienst zu Beginn gesprochen wird. Der Grund für diese Entwicklung liegt in einem kleinen Skandal, der Ende des 17. Jahrhunderts als Berliner Beichtstuhlstreit in die Kirchengeschichte eingegangen ist. Damals hatte sich ein Pfarrer geweigert, die Beichte abzunehmen und zwar mit der Begründung, die Menschen würden sich hinterher ja doch nicht ändern. Da die Beichte ohne wirkliche Reue aber wirkungslos sei, würde er als Pfarrer durch die Absolution nur Schuld auf sich laden. Daraufhin wurde zunächst die Einzelbeichte Stück für Stück abgeschafft und durch die formelhafte Gemeinschaftsbeichte ersetzt. Spätere Versuche, zum Beispiel durch Claus Harms, die Beichte wieder ins Leben zu rufen, blieben weitgehend wirkungslos. Aber auch das Bewusstsein, dass es sich bei dem allgemeinen Sündenbekenntnis im Zusammenhang mit dem Abendmahl um eine Form der Beichte handelt, ist weitgehend verloren gegangen.

Es wäre wohl eine Chance, sich heute wieder an den Ansatz der Reformation zu erinnern. Demnach war es wohl nachvollziehbar, wie Martin Luther gegen den Zwang des Beichtens anging und immer wieder betonte, man solle seine „Sünde nicht mit der Zunge, sondern in seinem Gewissen“ bekennen. Zugleich jedoch rückte er keinen Deut davon ab, dass gar nicht das Bekennen der Verfehlungen im Zentrum der Beichte steht, sondern der Zuspruch der Vergebung. Denn nur wer diesen Zuspruch, ja diese Absolution, in der Gewissheit erhält, dass Gott die Sünden vergibt, kann das Alte zurücklassen und ganz neu anfangen. Und dafür bedarf es übrigens gar nicht der Einrichtung eines speziellen Beichtstuhls, beichten können wir an allen Orten.

Matthias Viertel, Pastor


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