Ev.- Luth. Kirchengemeinde Heiligengeist in Kiel

Aktuelles

Eine „missionarische“ Gemeinde

Der Begriff der Mission ist nicht nur außer Mode gekommen, sondern auch ein wenig in Verruf geraten.

Wer sogar den Ausdruck des Missionars in den Mund nimmt, läuft dabei Gefahr, Erinnerungen an die Kolonialzeit wachzurufen, als einheimische Kulturen überrollt und Eingeborene zwangsweise evangelisiert wurden, als die Mission mit der Expansionspolitik Europas Hand in Hand ging. Seitdem ist nicht nur das Reden über Mission in den Hintergrund geraten, das Anliegen selbst, nämlich für seinen eigenen Glauben auch bei anderen werbend aufzutreten, steht unter einem Dauerverdacht.

Die Skepsis angesichts der alten Methoden der Mission entbindet uns allerdings nicht einer gewissen Ratlosigkeit, die denjenigen ergreift, der die Entwicklung der Kirche verfolgt. Zum einen ist es die kontinuierliche Zahl der Austritte, die Anlass zum Sorgen gibt. Immer mehr Menschen verlassen die Kirche, und zwar nicht direkt aus Glaubensgründen, sondern eher aus pragmatischen Überlegungen, die nicht selten vom Steuerberater empfohlen worden sind. Zum anderen ist es aber auch die zunehmende Konkurrenz durch andere Religionen, die zu einer Positionierung herausfordert. Wer auf die Dauer möchte, dass christliche Werte in unserer Alltagswelt Bestand haben sollen, kommt wohl nicht umhin, sich zur Kirche zu bekennen und dafür auch zu werben.

Wer vor diesem Hintergrund nach einem anderen Ansatz für eine zeitgemäße Mission sucht, wird in einer Schrift fündig, die Helmut Thielicke im Jahr 1947 zum Thema Kirche und Öffentlichkeit verfasst hat. Damals, als der Aufbau der Kirche nach dem Krieg anstand, schenkte Thielicke dem Begriff der Öffentlichkeit besondere Aufmerksamkeit. Wichtig war ihm der Gedanke, die Öffentlichkeit nicht quantitativ zu begreifen, sondern qualitativ. Tatsächlich denken wir bei Öffentlichkeit ja immer zuerst an eine große Menge von Menschen. Bei näherem Hinsehen entdecken wir jedoch, dass beispielsweise eine Geburtstagsparty mit über 100 Gästen noch immer privat bleibt, während ein Gottesdienst mit nur einer Handvoll Besuchern doch öffentlich ist. Die Öffentlichkeit – so stellte Thielicke fest – ist eben keine Frage der Menge oder der Zahl, sondern der unterschiedlichen Lebensbereiche, die gezielt angesprochen werden.
Diese Beobachtung lässt sich auf den Gedanken der Mission übertragen. Mit dem Auftrag, in die Welt zu gehen, um Menschen für das Evangelium zu werben, sind gerade nicht die fernen Kontinente und auch nicht die großen Massenkundgebungen gemeint. Vielmehr wird Öffentlichkeit dann hergestellt, wenn wir in die unterschiedlichen Lebensbereiche hineingehen, wenn wir Kunst, Politik und Wissenschaft gezielt ansprechen, wenn wir in die Schulen gehen und an die Arbeitsplätze, oder sogar Opernbesucher ansprechen. Wenn darüber hinaus auch die unterschiedlichen sozialen Schichten und die sich abgrenzenden kulturellen Milieus bedacht werden, die Reichen wie die Armen, die Gebildeten wie die Lernbehinderten, die Freunde der Volksmusik wie jene der Klassischen Traditionen. Wenn sich diese bunte Vielfalt in ihren unterschiedlichen Interessen und Sprachformen auch in den Angeboten der Gemeindearbeit widerspiegelt, dann kann zu Recht von einer sich nach außen öffnenden und daher missionarischen Gemeinde gesprochen werden.

Es ist erstaunlich, welche große Milieuvielfalt schon zur Zeit Jesu vorhanden war: Immerhin befasste sich Jesus in seinen Reden und Taten mit Pharisäern, Zeloten und Sikariern, mit Sadduzäern, Essenern, Täufern und Samaritanern, mit Nabatäern, ganz zu schweigen von den unterschiedlichen Strömungen der hellenistisch-römischen Welt, die das frühe Christentum geprägt haben. Sie alle waren gemeint mit diesen Worten „Gehet hin in alle Welt“, die als Grundlage für jeden Missionsauftrag betrachtet werden müssen. Und Jesus selbst kannte dabei kaum eine Grenze, er machte auch keinen Halt vor Zöllnern und Ehebrecherinnen, er speiste sogar mit denen, die in seiner Gesellschaft stets gemieden wurden.

Bei dem Anliegen der Mission geht es folglich weniger darum, dass die Kirche sich eine Agentur leistet, die durch Werbekampagnen und bunte Flyer neue Mitglieder (sprich: Steuerzahler) anwirbt. Wir haben vielmehr der schlichten Tatsache zu folgen, dass Christus nun einmal öffentlich ist – will sagen: er bezieht alle Lebensbereiche, alle sozialen Schichten, alle Kulturen ein.

Wenn wir diesen Ansatz eines qualitativen Missionsverständnisses ernst nehmen, können wir das werbende Verhalten der Kirche nicht mehr auf einzelne Sonderbereiche ausgrenzen. Dann können wir nicht irgendwelche missionarischen Dienste gründen, die sozusagen Werbung an der Haustür machen oder im Zelt. Mission als qualitativer Auftrag bezieht sich unmittelbar auf das, was kirchliche Arbeit im Alltag leistet. Und sie ist damit gleichzeitig eine Anfrage, wie wir unsere Gemeindearbeit gestalten. Mission wäre dann, diesem Ansatz folgend, gleichbedeutend mit der Ausdehnung der kirchlichen Arbeit auf möglichst viele und unterschiedliche Lebensbereiche. Und Mission geschieht dann überall dort, wo Kirche auf die Menschen zugeht, wo diese in ihrer Lebenswirklichkeit ernst genommen werden, wo sie mit ihren unterschiedlichen Themen, Bildern und Sprachen auch wirklich vorkommen. Eine Gemeinde, die sich in diesem Sinne öffnet, die als Citykirche für alle da sein will und das pulsierende Leben der Stadt liebevoll begleitet, kann sich im positiven Sinn als missionarische Gemeinde verstehen.

Matthias Viertel, Pastor


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Monatsspruch August 2018

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(1. Johannes 4,16)

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18.08.2018

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