Ev.- Luth. Kirchengemeinde Heiligengeist in Kiel

Die neue Gottesdienstordnung

Zur liturgischen Reform in der Gemeinde Heiligengeist

Teil 2: Von Wertschätzung, Achtsamkeit und der Bitte um Erhörung

Es ist für uns zu einem festen Ritual geworden, den Gottesdienst mit den Worten eines Psalms zu beginnen, der traditionsgemäß im Wechsel zwischen der Gemeinde oder dem Pastor bzw. der Pastorin gesprochen wird. Manche interpretieren das als eine Art Eingangsgebet, denn tatsächlich stellen die Psalmen als Urgestein der Bibel ja persönliche Gebete dar, die vor tausenden von Jahren entstanden und später aufgeschrieben worden sind.

Als Bestandteil der Liturgie hatten diese Psalmgebete ursprünglich jedoch eine andere Aufgabe: Sie wurden vom Chor gesungen, während diejenigen, die den Gottesdienst zelebrieren sollten (also Pastor, Lektor und Liturg), feierlich in die Kirche einzogen. Dieses liturgische Ritual ist heute in der Regel nicht mehr möglich, weil erstens kein liturgischer Chor zur Verfügung steht, und weil 2. der Pastor/ die Pastorin meistens den Gottesdienst bereits eröffnet hat und deshalb zum Zeitpunkt der Psalmlesung gar nicht mehr einziehen kann. Geblieben ist einzig die Form des Wechselgesangs, denn auch wenn wir heute den Psalm nicht mehr singen, so sprechen wir uns doch die Verse gegenseitig zu, als Zuspruch und Zeichen der Achtsamkeit. Wichtig ist es angesichts dieser Traditionsgeschichte, dass diese uralten Psalmworte im Wechsel der Verse von zwei Gruppen der Gemeinde (linkes Kirchenschiff und rechtes, oder Frauen und Männer) gesprochen werden. In der Regel werden dann die Psalmworte nicht direkt am Altar, sondern vielmehr von den Stufen vor dem Altar aus intoniert, um dadurch deutlich zu machen, dass es sich hier um eine liturgische Form der Annäherung handelt, also um eine Art Weggestaltung, die erst noch zum Gottesdienst hinführt.

Abgeschlossen wird dieser Psalm als liturgische Weggestaltung deshalb durch das so genannte Gloria Patri („Ehre sei dem Vater und dem Sohne…“). Mit dieser Formel, die den Bezug zur Trinität (Gott Vater, Sohn und Heiliger Geist) herstellt, wird noch einmal hervorgehoben: Auch der Psalm aus dem Alten Testament steht in einer Beziehung zur Christusbotschaft und wird somit christlich interpretiert; darüber hinaus wird mit dieser Ehrerbietung, die von der ganzen Gemeinde gesungen wird, der Weg der stufenweisen Annäherung an den Altar liturgisch abgeschlossen. Nun kann sich auch der Pastor / die Pastorin zum Altar wenden und nach ausführlicher Vorbereitung mit dem Gottesdienst beginnen.

Dieser eigentliche Beginn des Gottesdienstes geschieht mit einem Wechselgesang, der wohl das befremdlichste Element im ganzen Gottesdienst darstellt: Es ist das in griechischer Sprache gesungene kyrie eleison (Herr, erbarme dich). Im lutherischen Gottesdienst wird dieser Ruf dreimal gesungen (als Huldigung an die Trinität) und jeweils in die deutsche Sprache übersetzt. Schon dadurch wird deutlich, dass es sich bei diesem Kyrie um einen Ausruf in Form einer Bitte handelt. Der Ruf kyrie eleison, mit dem die Götter um Gnade gebeten wurden, ist tatsächlich uralt und schon in vorchristlicher Zeit in unterschiedlichen Kulten sehr verbreitet gewesen. Damit hier nun kein Zweifel aufkommt, welcher Gott angerufen wird, ist die Wiederholung als christus eleison eindeutig und unmissverständlich auf den christlichen Gott ausgewiesen. Gewissermaßen als Antwort auf diesen Bittruf der Gemeinde setzt das Gloria ein („Allein Gott in der Höhe sei Ehr“).

Dieses liturgische Element ist schon etwas ganz Besonderes, denn immerhin ruft es uns an jedem Sonntag das Weihnachtsgeschehen in Erinnerung. Auch diese Verse wurden ursprünglich in lateinischer Sprache gesungen als „gloria in excelsis deo“, womit der Gesang der Engel auf dem Hirtenfeld zu Bethlehem direkt übernommen werden sollte. Erst mit der Reformation und dem Anliegen, das liturgische Geschehen für jedermann verstehbar zu machen, schuf Nikolaus Decius um 1523 die deutsche Übersetzung des Glorias, die uns bis heute geläufig ist.

Übrigens mag ein kleines Detail zeigen, welche besondere Wertschätzung dieses Gloria genießt: Die Intonation zu dem Gesang der Engel war in der mittelalterlichen Kirche nämlich dem Papst oder den Bischöfen vorbehalten; erst später traten die Priester stellvertretend an deren Stelle. In unseren lutherischen Gottesdiensten wird die Intonation zum Gloria („Ehre sei Gott in der Höhe…“) vom Kantor/in angestimmt, woraufhin dann die mündige Gemeinde in den Lobgesang der Engel einstimmt. Die ganze Geschichte des Glorias muss man dafür zwar nicht kennen, aber es ist gut, zumindest die Bedeutung zu fühlen, die damit verbunden ist: Am Ende der langen liturgischen Eröffnung des Gottesdienstes steht mein persönliches Bekenntnis, mit dem ich selbst in den Lobgesang der Engel einstimmen kann.

Dr. Matthias Viertel

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Zur liturgischen Reform in der Gemeinde Heiligengeist

Die Einführung
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Teil 1: Die Salutatio
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Teil 2: Von Wertschätzung, Achtsamkeit und der Bitte um Erhörung
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Teil 3: Das Wort der Verkündigung
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Teil 4: Der Schluss
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Teil 5: Das Abendmahl
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Tageslosung

26.05.2018

HERR, behüte meinen Mund und bewahre meine Lippen!

Psalm 141,3