Ev.- Luth. Kirchengemeinde Heiligengeist in Kiel

Die neue Gottesdienstordnung

Zur liturgischen Reform in der Gemeinde Heiligengeist

TEIL 5: Das Abendmahl


In meiner Studentenzeit haben wir uns über eine theologische Debatte amüsiert, die auf den ersten Blick eigentümlich wirkt, aber bei genauerer Betrachtung geradezu beispielhaft ist für die theologische Deutung des Abendmahls. Die Diskussion, die die Aufmerksamkeit von uns Studenten so erregte, war der so genannte „Quod edit mus“- Streit. Übersetzt bedeutet dieser lateinische Satz: „Was isst die Maus?“ Und tatsächlich wurde in dieser erbittert geführten Diskussion eine Frage erörtert, die die Menschen im Mittelalter außerordentlich stark beschäftigte: Angenommen einmal, bei der Austeilung des Brotes zur Eucharistie fällt ein Krummen zum Boden, bleibt dort liegen und wird schließlich von einer Maus, die in der Kirche nach etwas Essbarem sucht, gefunden und verspeist. Ist die Maus dann etwa heilig, weil sie am Leib Christi partizipiert?

Auf den ersten Blick wird uns diese Fragestellung vielleicht irritieren oder sogar weltfremd wirken, aber im Kern drückt sie doch ein grundsätzliches Problem aus. Letztlich geht es in der Diskussion nämlich um die Bedeutung, die ein Christ, der am Abendmahl teilnimmt, dem Brot und dem Wein beimisst. Heute würden wahrscheinlich viele Gemeindeglieder entgegnen, dass es sich dabei doch nur um Symbole handelt. Aber gerade diese Zuordnung ist nicht unproblematisch, denn in den Einsetzungsworten heißt es unmissverständlich „Dies ist mein Leib“ und nicht etwa „dies bedeutet meinen Leib“. In der reformatorischen Tradition wurde das Dilemma auf eine eindeutige Weise gelöst. Tatsächlich, so argumentierte Martin Luther, werden das gewöhnliche Brot und auch der Wein durch die sakramentale Handlung gewandelt. Mit den Einsetzungsworten wird aus dem Brot der Leib und aus dem Wein das Blut Christi, so dass mit Fug und Recht gesagt werden kann: „Das ist mein Leib“ und „das ist mein Blut“ - allerdings ist auch diese Umwandlung (Konsekration) an eine Bedingung geknüpft. Denn nicht allein die Kraft der Worte bewirkt diese Wandlung, sie wird vor allem durch den Glauben der Person vollzogen, die das Sakrament empfängt. Oder anders ausgedrückt – ohne den festen Glauben bleibt der Empfang von Brot und Wein bedeutungslos.

Hier finden wir auch die Grundlage für das Ritual des Abendmahls, wie es in unserer Gemeinde gepflegt wird. Zwar sind im Grunde genommen nur jene zum Tisch des Herrn eingeladen, die auch getauft sind, allerdings kann kein Schaden entstehen, wenn etwa kleine Kinder, die noch nicht getauft worden sind, zum Abendmahl mit an den Altar gebracht werden. Selbstredend wird man ihnen dann keinen Wein reichen, aber das ist mehr eine Frage des Alters als der Symbolik. Diese Frage erübrigt sich insofern, als wir in unserer Gemeinde das Abendmahl stets in doppelter Form feiern. Zum ersten Tisch wird Traubensaft gereicht, zum zweiten dann Wein, so dass sich alle Gemeindeglieder selbst entscheiden können, in welcher Weise sie am Abendmahl teilhaben wollen. Übrigens ist es ein immer wieder auftauchendes Thema, welcher Wein denn für die Eucharistie überhaupt geeignet ist. Rotwein – so sind sich jedenfalls die Archäologen einig – hat es zur Zeit Jesu in Palästina noch gar nicht gegeben. Die Jünger und auch die ersten Gemeinden teilten zum Mahl des Herrn also Weißwein. Für uns heute wäre es durchaus bedenkenswert, einen solchen hellen Wein für das Sakrament zu wählen, und zwar nicht nur aus historischen Gründen, sondern auch weil dadurch die Assoziation zwischen Wein und Blut etwas gemildert wird. Denn das ist das erwähnte reformatorische Erbe: Nicht die Substanz gibt dem Sakrament des Abendmahls seinen Sinn, sondern vielmehr die glaubende Haltung der Empfangenden.

Im liturgischen Ablauf des Abendmahls wird dieser Frage der Wandlung von Brot und Wein folglich größte Aufmerksamkeit gewidmet. Die eigentliche Zeremonie der Eucharistie beginnt deshalb mit einem „Grossen Dankgebet“ (Präfation), das durch eine gesungene Begrüßung (Salutatio) eingeleitet wird. Es soll deutlich werden, dass hier nun ein besonderer Abschnitt im Gottesdienst folgt, der die zum Empfang des Mahls bereit stehende Gemeinde mit den Christen in aller Welt und sogar mit den Engeln im Himmel vereint. Die Gemeinde antwortet daraufhin mit dem Gesang des Sanctus („Heilig ist Gott der Herr Zebaoth“) und dem Vaterunser, um die persönliche Bereitschaft zu signalisieren. Erst jetzt spricht oder singt der Liturg die Einsetzungsworte (Konsekration), durch die Brot und Wein zu Trägern der leiblichen Gegenwart Christi werden. Die Gemeinde antwortet wiederum mit dem Gesang des Agnus Dei (Christe du Lamm Gottes) und schreitet zur Austeilung an den Altar.

In unserer Gemeinde ist eine Form der Austeilung üblich geworden, bei der die Gemeinde in der Form eines Halbkreises um den Altar das Sakrament in Empfang nimmt. Der Liturg wird bei der Austeilung von Kirchenältesten unterstützt, die entweder das Brot oder auch den Wein reichen können. Ob die Gemeindeglieder Brot und Wein getrennt voneinander annehmen oder das Brot in den Wein tauchen (Intinktio), bleibt jedem selbst überlassen. Für die letzte Form mögen allenfalls hygienische Gründe sprechen, die speziell in Zeiten der Grippe an Bedeutung gewinnen. Eigenartigerweise war es in der frühen Kirche üblich, dass das Brot stets von dem „Gemeindebischof“ gereicht wurde, während der Wein den Diakonen überlassen werden konnte. Eine solche Rangfolge ist in unserer Tradition jedoch nicht vorgesehen, wichtig ist allein, dass die Gemeinde das Mahl in voller Gestalt empfängt und der zelebrierende Pastor sich in den Kreis der Gemeinde einreiht.

Dr. Matthias Viertel , Pastor

Der Hohepriester Aaron. Karelische Ikone aus dem
18. Jahrhundert

Reformationsaltar, Michael Ostendorfer 1555, Regensburg, Historisches Museum.

Ostendorfer malte diesen Altar für die erste evangelische Kirche der freien Reichsstadt Regensburg 1552-1555, um deren Entscheidung, lutherisch zu werden, zu demonstrieren. Abgebildet ist hier die Innenseite des rechten Seitenflügels: Das Abendmahl (auf dem linken Seitenflügel ist entsprechend das andere Sakrament nach lutherischem Verständnis, nämlich die Taufe dargestellt).

Das oberste Bild zeigt Jesus und seine Jünger bei einem Passahmahl nach alttestamentlichem Vorbild: Die Feiernden sollen aufbruchsbereit sein, tragen deshalb Umhang und Wanderstab und essen im Stehen. Auf dem Tisch liegt das geopferte Passahlamm, verzehrt werden Brot und Wein.

Das mittlere Bild stellt Jesu letztes Abendmahl im Kreise seiner Jünger in der üblichen Ikonographie dar. Nicht zufällig ist gerade der Moment ausgesucht, in dem Jesus den Kelch an die Jünger weitergibt. Vor Luther war ja in der Abendmahlsliturgie der Wein der Gemeinde vorenthalten und nur dem Priester zugestanden, was Luther mit Bezug auf die neutestamentliche Erzählung geändert hat.

Dementsprechend sehen wir im untersten Bild, das einen lutherischen Gottesdienst des 16. Jahrhunderts zeigt, wie das Abendmahl „in beiderlei Gestalt“ ausgeteilt wird, rechts das Brot (die Oblate), links der Wein. Der Pfarrer (der ältere) gibt das Brot, mit dem Wein hilft ihm ein Jüngerer, vielleicht ein Diakon. Im Respekt vor dem Sakrament vermieden es die Gemeindeglieder, die Oblate und den Kelch selbst in die Hand zu nehmen.

Ein Hinweis nebenbei: Der Pfarrer trug noch nicht den schwarzen Talar mit Beffchen, den wir gewohnt sind; diese Tracht wurde erst im friderizianischen Preußen eingeführt.

Bernhard Mieth

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Zur liturgischen Reform in der Gemeinde Heiligengeist

Die Einführung
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Teil 1: Die Salutatio
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Teil 2: Von Wertschätzung, Achtsamkeit und der Bitte um Erhörung
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Teil 3: Das Wort der Verkündigung
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Teil 4: Der Schluss
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Teil 5: Das Abendmahl
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26.05.2018

HERR, behüte meinen Mund und bewahre meine Lippen!

Psalm 141,3