Ev.- Luth. Kirchengemeinde Heiligengeist in Kiel

Aktuelles

November 1918: Revolution in Kiel

Erfahrungsbericht aus der Chronik der Heiligengeistgemeinde

Im historischen Rückblick sehen wir die Weltgeschichte als eine Reihung von herausragenden Höhepunkten, verbunden durch Jahre unbekannten Alltags. Manches Mal kommt der Gedanke auf, bei diesem oder jenem Höhepunkt wäre man gerne Beobachter gewesen. Aber haben die Zeitgenossen, die wirklichen Beobachter und Miterlebenden, die Ereignisse auch selbst als Höhepunkt erlebt? War ihnen bewusst, dass sie Augenzeugen eines historischen Moments geworden sind? Manches Mal sicher. Im November 1989 war den meisten bewusst, dass hier ein festgefügtes politisches System aufbricht und etwas ganz Neues beginnt. Aber wie der oder die Einzelne das Neue eingeordnet hat, war doch sehr unterschiedlich. Manche waren voll Mut und Zuversicht, manche hatten Angst und Bedenken; der Sieg des einen war die Niederlage des anderen, und bei vielen schwang in der Erregung des Umbruchs zugleich die Sorge um die Sicherung des Alltags mit.

Das ist auch für den November 1918 zu erwarten. Über die politischen und militärischen Zusammenhänge ist man heute gut informiert. Aber wie ging es den Kirchen in den Umstürzen dieser Zeit? Wie erlebte ein Pastor die unruhigen Tage? Waren sie Sieg oder Niederlage oder Sorge für ihn? Die Chronik der Heiligengeistgemeinde lässt uns einen Eindruck gewinnen. Sie gibt uns Einblicke in die Gedanken und Sorgen von Pastor Nielsen, der sie in seiner kleinen, ordentlichen Handschrift zu Papier gebracht und der Nachwelt überliefert hat. Er schrieb: Am 5. November begann die Revolution in Kiel. Von einer zuerst geplanten Schließung der Kirchen seitens der Revolutionäre wurde abgesehen 'um der Arbeit der Stadtmission' willen. Eine Behinderung des Gottesdienstlichen Lebens ist auch im weiteren Verlauf der Revolution nicht erfolgt.

Dagegen führte die Zügellosigkeit vor allem der Matrosen und die zeitweilige Aufhebung aller schutzgesetzlichen Bestimmungen zu mancherlei Ärgernis. Am Bußtag und Totensonntag wurden lärmende Umzüge mit Musik gemacht, wurde in vielen Sälen getanzt; am Weihnachtsabend waren fast alle Matrosen schamlos betrunken; auf den Schiffen und den Werften wurde ein Höllenlärm vollführt mit Sirenen, Abschießen von Raketen, stundenlang. Seitdem geht ein großer Teil der Kieler Bevölkerung förmlich unter in Tanz und wilder Zerstreuung. – Am 25. November fand aus Anlaß der Eingriffe der Revolutionsgewalt in die kirchlichen Verhältnisse und der geplanten Trennung von Staat und Kirche eine Versammlung sämtlicher Kirchenvertretungen Kiels im Lutherhaus statt. Nach einem Vortrag des Unterzeichneten [P. Nielsen] wurde ein Ausschuß gewählt, der beauftragt wurde, sofort alles in die Wege zu leiten, um den drohenden Gefahren zu begegnen. Den Vorsitz übernahm der Oberbürgermeister Lindemann. Im weiteren Verlauf dieser kirchlichen Gegenbewegung wurde wie in allen Kieler Kirchen so auch in der Heiligengeistkirche am Sonntag, den 16. Dezember, Abends 6 Uhr eine Gemeindeversammlung abgehalten, die nach einem Vortrag des Pastors sich einmütig für die Erhaltung der Landeskirche, ihres öffentlich-rechtlichen Charakters, ihrer Staatszuschüsse, des Religionsunterrichts in den Schulen, aussprach.

Anwesend waren etwa 500 erwachsene Gemeindeglieder. Von sozialistischer Seite wurde und wird trotz dem ehrlichen Versuch des Ausschusses, ein neues Verhältnis anzubahnen, zum Austritt aus der Landeskirche aufgefordert. Auch hat sich eine freireligiöse Gemeinde gebildet, und ein sog. "literarischer Verein", der Vorträge, Konzerte und Tanzvergnügungen in seinem Programm hat, hält 'sonntägliche Morgenfeiern' ab. Doch ist bis jetzt wenig vom Kirchenaustritt zu spüren. In der Heiligengeist-Gemeinde belief sich die Zahl der bis Jahresschluß Ausgetretenen auf 5. – Wir werden aber im nächsten Jahre mit größerem Austritt zu rechnen haben. Ob viel dabei verloren wird?

Aus der Gemeindechronik

1919

Am 5. Januar fand in der Kirche Nachmittags 5 Uhr eine zweite Gemeindeversammlung zur Frage der Trennung von Staat und Kirche statt. Nach einem Vortrag des Professors Sellin wurde die vom 'Zentralausschuß für Verfassungsfragen' allen Kirchengemeinden vorgelegte Entschließung einstimmig angenommen. Anwesend waren wieder etwa 500 Erwachsene. Ich möchte dabei erwähnen, daß auch in den sämtlichen höheren Schulen Elternversamm- lungen abgehalten wurden, zwecks einer Stellungnahme zum Religionsunterricht in den Schulen. Überall wurde, meistens einstimmig, die Beibehaltung als eines ordentlichen Lehr - fachs mit großer Wärme gefordert. Der berüchtigte Religionserlaß Adolf Hoffmanns ist danach von Konrad Haenisch zurückgenommen und die Erteilung des Religionsunterrichts vorläufig freigegeben.

1920

Der Winter 1919/20 war für die Gemeinde sehr bewegt durch die großen kirchlichen Fragen der Schule und der Jugend. Es fanden mehrere gut besuchte Versammlungen statt, in denen durch Vorträge für Aufklärung und Anteilnahme der Gemeinde gesorgt wurde. Dabei zeigte sich ein erfreulicher Wille, an der christlichen Schule festzuhalten, trotz der starken Agitation der sozialdemokratischen Partei. ... Ende Dezember setzt eine große Austrittsbewegung unter Führung der Kommunisten mit Begünstigung der sozialdemokratischen Presse ein. Die Heil.-Geist-Gemeinde wird weniger davon betroffen, doch treten immerhin 156 Kirchenglieder aus, bei einer Seelenzahl von 8261 (nach der Zählung von 1910). Soweit Pastor Nielsen. Absätze, die mit dem Zeitgeschehen nicht unmittelbar zu tun hatten, habe ich ausgelassen. Der zum Jahr 1919 erwähnte Adolf Hoffmann gehörte zum linken Flügel der SPD und war in der Revolution zusammen mit Konrad Haenisch preußischer Minister für Wissenschaft, Kunst und Volksbildung geworden. Er wollte in Preußen die Trennung von Kirche und Staat verwirklichen, indem er die kirchliche Schulaufsicht aufhob und religiöse Schulfeiern, das Schulgebet und den Religionsunterricht als reguläres Schulfach abschaffte. Wir erleben hier Pastor Nielsen als einen engagierten Seelsorger, dem das Wohl der Gemeindeglieder an erster Stelle stand. Für die Problematik einer zu großen Nähe der Kirche zum Staat fehlte ihm dagegen der Blick. Er wird über das Ende des Krieges erleichtert gewesen sein, aber die Sorge um die Zukunft überwog. Anzumerken wäre noch, dass von den Ausgetretenen bis Ende des Jahres 1923 vierzig wieder in die Kirche eingetreten sind.

Bernhard Mieth


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