Ev.- Luth. Kirchengemeinde Heiligengeist in Kiel

Aktuelles

Gedenkgottesdienst in St. Ansgar zum Ausbruch des II. Weltkriegs: Bilanzen und Zeitzeugenberichte aus Kiel.

Am 1. September wurde in in der St. Ansgarkirche ein Gedenkgottesdienst zum Beginn des 2. Weltkrieges gehalten. Die Texte sind hier nachzulesen.

Sehr geehrte Damen und Herren,

am 1. September jährte sich zum achtzigsten Male die Wiederkehr des Ausbruchs des II. Weltkriegs. Die Heiligengeistgemeinde Kiel hat aus diesem Anlass einen Gedenkgottesdienst in der Citykirche St. Ansgar abgehalten. Im Gottesdienst gab es Lesungen zu drei Bereichen:

1. Bilanz I: Der Zweite Weltkrieg, ein weltweiter Krieg
2. Bilanz II: Krieg in Kiel
3. Zeitzeugenberichte.

Nach dem Gottesdienst gab es verschiedentlich Nachfrage nach den Texten. Um dem gerecht zu werden, werden sie hier im Folgenden dokumentiert. Die Bilanzen wurden mit freundlicher Unterstützung des Kieler Historikers und früheren Landtagsabgeordneten Rolf Fischer, des Vereins Mahnmal Kilian e. V. und von Dokumenten der Bundeszentrale für politische Bildung zusammengestellt.

Dr. Friedhelm Boyken, stellv. Vorstitzender im KGR

Hier nun die Texte:

Bilanz I: Der Zweite Weltkrieg, ein weltweiter Krieg

➢ Der Zweite Weltkrieg war eine menschliche Tragödie nie gekannten Ausmaßes. Die Kriegshandlungen selbst sowie ihre unmittelbaren Folgen hatten weltweit etwa 60 bis 70 Millionen Menschen das Leben gekostet, in der Mehrzahl Zivilisten.
➢ Allein die Sowjetunion beklagte 27 Millionen Tote, knapp die Hälfte davon Angehörige der Roten Armee, von denen wiederum jeder Vierte nicht im Kampf fiel, sondern in deutscher Kriegsgefangenschaft umkam, durch Hunger und Krankheit, durch Mord und Totschlag.
➢ Deutschland zählte 6,35 Millionen Tote – weit überwiegend Soldaten.
➢ Im Fernen Osten, in Asien, verzeichnete China als Hauptleidtragender der japanischen Aggression zwischen 1937 und 1945 etwa 13,5 Millionen Tote, Japan 3,76 Millionen. Bei den Atombombenabwürfen in Hiroshima und Nagasaki starben binnen Minuten Hunderttausende.
➢ Am stärksten gelitten hatte jedoch Polen mit sechs Millionen Toten. Jeder sechste Einwohner des Landes war ums Leben gekommen. Diese Schreckensbilanz verbindet sich mit derjenigen des Mordes an den europäischen Juden. Denn jeder zweite getötete Pole war jüdischen Glaubens.
➢ Insgesamt fielen während des Krieges etwa sechs Millionen europäische Juden dem nationalsozialistischen Rassenwahn zum Opfer. In weiten Teilen Europas war jüdisches Leben so gut wie ausgelöscht.
➢ Infolge des Potsdamer Abkommens vom 2. August 1945 musste Deutschland seine Gebiete östlich von Oder und Neiße an Polen und die Sowjetunion abtreten und büßte damit ein Viertel seines Territoriums ein. Von rund 18 Millionen Reichsdeutschen in den Ostprovinzen des Reiches und sogenannten Volksdeutschen in den deutschen Siedlungsgebieten in Ost-, Ostmittel- und Südosteuropa waren in der Endphase des Krieges rund 14 Millionen in Richtung Westen geflüchtet oder nach dem Kriegsende vertrieben bzw. deportiert worden.
➢ An die zwei Millionen Deutsche hatten Flucht, Vertreibungen oder Deportationen nicht überlebt, etwa eine Million wurde in die UdSSR deportiert.
➢ Viele der aus den ehemaligen deutschen Ost-Gebieten Geflohenen oder Vertriebenen fanden in Schleswig-Holstein eine neue Heimat. Bei Kriegsbeginn, 1939, hatte Schleswig-Holstein 1,6 Millionen Einwohner. 1946 lebten hier 2,6 Millionen Menschen.

Bilanz II: Krieg in Kiel

➢ Der zweite Weltkrieg war der tiefste Einschnitt in der Geschichte der Stadt.
➢ Bei Kriegsbeginn war Kiel der wichtigste Kriegshafen in Deutschland.
➢ Kiel war die Basis für den U-Boot-Krieg.
➢ Kiel bereitete sich schon vor 1939 auf den Krieg vor: Die Feuerwehr wurde schon 1934 in den Sicherheitsdienst des behördlichen Luftschutzes eingegliedert, kontinuierlich wurden Schutzräume und Bunker gebaut, bis 1944 28 Hochbunker, 17 Tiefbunker, 18 Luftschutzstollen und so weiter.
➢ Gleichzeitig im Kiel der 1930er Jahre: festliche Stapelläufe unter Anwesenheit der Nazi-Führung für immer neue Kriegsschiffe und U-Boote. Boomende Werften.
➢ Mit Kriegsbeginn: sofort Lebensmittelkarten, Rationierungen, Zwangsbewirtschaftung von Lebensmitteln und Gebrauchsgütern.
➢ Rund 6.000 Kieler verloren als Soldaten ihr Leben an den verschiedenen Fronten, die letzten Kriegsgefangenen kehrten erst 1955 nach Kiel zurück.
➢ Mehr als 1.000 Zwangsarbeiter waren allein für die Germaniawerft tätig und etwa 1.200 Deportierte aus besetzten Ländern und KZ-Häftlinge wurden beim Bau des U-Boot-Bunkers Kilian eingesetzt.
➢ 1944 arbeiteten allein in Kiel über 10.000 „Ostarbeiter“. „Ostarbeiter“, so sagte man damals.
➢ Besonders in Erinnerung vieler Kielerinnen und Kieler: der Luftkrieg durch britische und amerikanische Flugzeuge.
➢ Allein unter der Zivilbevölkerung etwa 2.900 Opfer, ganze Familien wurden ausgelöscht.
➢ Bombenkrieg: Am 2. Juli 1940 - bald nach Kriegsbeginn - erster Angriff auf Kiel, dann von Jahr zu Jahr steigend.
➢ 1943 Luftherrschaft der Briten und Amerikaner über ganz Deutschland.
➢ Für Kiel bedeutete das: 90 Luftangriffe mit 633 Voll-Alarmen (Aufsuchen der Bunker), über 5.000 Verletzte, 5 Millionen Kubikmeter Trümmer.
➢ Etwa 44.000 Spreng- und rund 500.000 Brandbomben auf Kiel.
➢ Am Ende die fast völlige Zerstörung der Stadt.
➢ Aber auch die Befreiung vom Nazi-Regime. Und Frieden.

Zeitzeugenberichte

Lisa Dröge, geboren 1928, erinnert sich an den Kriegsbeginn so:
"Wir wohnten im Forstweg und meine Mutter war bei Urban, einem Lebensmittelladen an der Ecke, und ich war irgendwie auf der Straße. Es war so gegen Mittag und meine Mutter kommt mir entgegen. Sie hat da erfahren, dass ab so und so viel zurückgeschossen wird. So hieß es! Sie hat mich empfangen und gesagt: 'Es ist Krieg, Lisa, jetzt sind die Ersten schon gefallen.'
Nachts um zwei klingelte es bei uns an der Tür und mein Vater wurde geholt. Ein paar Tage wussten wir nicht, wo kommt er nun hin und dann waren wir etwas beruhigt, dass er in Kiel bleiben konnte, weil er nämlich ja schon Infanterieleutnant gewesen war und er kam zur Marineartillerie."

Günther Cwojdrak, bei Kriegsausbruch 16 Jahre und Kieler Gymnasiast berichtet:
"Der Krieg hatte begonnen, doch der Krieg schien weit weg. Irgendwo in Polen war er jetzt. (...) An einem Tag dieses Septembers verbreitete sich in unserer Straße eine Nachricht, wie sie damals noch neu und selten war. Ein Junge aus dem Haus nebenan, nur zwei oder drei Jahre älter als ich: in Polen gefallen. Wir hatten zusammen Drachen aufsteigen lassen, am Hafen unter alten Holzbrücken Krebse gefangen oder aus Parkbäumen Kastanien heruntergeholt. Jetzt war dieser Junge tot, mein Spielgefährte."

Anneliese Kahl, geboren 1928, war 1942 während eines Bombenangriffs in einem Hochbunker:
"Hier waren die Bänke an den Seiten. Es war ein großer Raum hier. Ja. Hier haben wir an den Wänden gesessen. Wir haben uns, wenn‘s irgend ging, immer in der Nähe von Soldaten aufgehalten. Weil wir wussten, da waren wir sicher. Der Hochbunker schaukelte ja, wenn er getroffen wurde. Oftmals sangen die Soldaten dann den „Durchhalteschlager“ von 1942: „Es geht alles vorüber, es geht alles vorbei!“ Die Soldaten haben gesungen, um auch das Weinen der Kinder zu unterdrücken.
Eine Mutter sagte: „Lieber Gott! Falten Sie die Hände.“ Und da sagte dieser kleine Junge: „Mama, es gibt keinen Gott! Ich will nie mehr im Leben beten!“

Erhard Jühlke, geboren 1937, ist nach einem Bombenangriff verschüttet:
"Wir sind dann in den Keller gelaufen und haben uns mit dem Rücken gegen diese Bohlwand gesetzt. (…) Ich hab‘ zur Wand hin gesessen, dann kam mein Vater und außen saß meine Mutter mit meinem kleinen Bruder auf dem Arm. Dann hat es ganz fürchterlich gescheppert und die Wand kam uns entgegen. (…) Meine Großmutter wohnte zwei Häuser weiter und kam auf die Straße. Sie hat gesagt: „Unsere Kinder sind da unten.“ Und sie hat darauf bestanden, dass Nachbarn uns ausgegraben haben. Die haben erstmal die oberste Steinschicht weggeräumt, damit die Köpfe frei waren und wir Luft kriegten. Mein Vater hat gesagt, wir sollten alle ruhig bleiben, wir sollen nicht schreien. Mir ist die Schädeldecke eingedrückt worden von herabfallenden Steinen. Meine Mutter hatte einen Schlüsselbeinbruch. Das war allerdings das Einzige, was uns passiert ist."

Karen Krämer, geboren 1926, erinnert sich an das Arbeitserziehunglager Nordmark
"Diese dienstverpflichteten Russen, die durften alleine in die Stadt und zurückgehen, im Gegensatz zu den Insassen von dem Arbeitserziehungslager oder von dem KZ, sag ich mal ruhig, die waren unter strengster Bewachung. Und diese Elendszüge wurden ja durch die Hasseer Straße geführt. Morgens hörte man ja dieses Klappern der Schuhe und abends, wenn die zurückkamen, trugen sie sehr häufig Tote bei sich. (…) Dieses Arbeitslager ist im Sommer ‘44 erst erbaut worden und im Mai ‘45 war es ja zu Ende, und in dieser Zeit sind da über 600 Menschen umgekommen. In der letzten Nacht bevor die Engländer kamen, sind da noch 300 Menschen erschossen worden und da das in unserer Nähe war, haben wir also dieses Maschinengewehrfeuer gehört."

 


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