Ev.- Luth. Kirchengemeinde Heiligengeist in Kiel

Ausstellungen

Ulrich Lindow - Flammende Apostel - Skulpturen

Ansprache von Propst i.R. Dietrich Heyde, Jübek zur Eröffnung der Ausstellung am 23. Mai 2010, Pauluskirche in Kiel

Es gibt drei große Feste im Kirchenjahr – Weihnachten, Ostern und Pfingsten. Weihnachten mit der Geburt des Kindes von Bethlehem ist im Volk verankert. Ostern erfreut sich breiter Akzeptanz. Pfingsten steht demgegenüber von jeher im Schatten der beiden anderen großen Feste. Kein Wunder. Wie will man denn auch fassen, was die Bibel als „Pfingstwunder“ beschreibt – die Ausgießung des Heiligen Geistes?

Der Bildhauer Ulrich Lindow aber hat es gewagt. Er ließ sich herausfordern. Er ließ sich wörtlich zur Gestaltung von zwölf Aposteln, die vom pfingstlichen Geist überwältigt und entflammt wurden, provozieren. Ihm ist es gelungen, Unanschauliches anschaulich, Unsichtbares sichtbar und Ungreifbares (an-)fassbar zu machen. Das zeigen eindrücklich seine hier im Altarraum aufgestellten, vom Geist entflammten Apostel.

Zweierlei ist ihm dabei zu Hilfe gekommen: Einmal seine Erfahrung allgemein mit biblischen Themen. Das Wort der hebräischen und griechischen Bibel (des Alten und Neuen Testaments) ist für Lindow seit Jahrzehnten ein intensiver und fruchtbarer Dialogpartner. Die Palette der von ihm gestalteten biblischen Themen (im Raum der Kirche) ist außerordentlich farbig und reicht weit. Ihr Bogen spannt sich von der Noahgeschichte bis zur Passion Jesu, von den Engeln bis zu den Propheten und Aposteln. Zum anderen konnte der Künstler mit Apostelgeschichte 2, dem Pfingstevangelium, auf eine zweitausend Jahre alte Deutung und Interpretation des Pfingstwunders zurückgreifen, in der schon versucht wurde, das Unfassbare des pfingstlichen „Geistes“ in bildhafter Sprache zu (er-)fassen: Von einem „Brausen des Windes“ ist da die Rede und von „Feuerzungen“.

Das griechische Wort für „Geist“ (pneuma) hat etwas mit „Atem“ zu tun. Und das hebräische Wort für „Geist“ (ruach), das übrigens weiblich ist, bedeutet dasselbe wie „Wind“. Ob nun Atem, Geist oder Wind – du kannst sie weder sehen und noch greifen, aber ihre Wirkung spüren. Und die muss ungeheuerlich gewesen sein. Denn die Pfingstgeschichte erzählt, dass die vom Geist gepackten und beseelten Menschen plötzlich anfingen, von den großen Taten Gottes zu erzählen; und dass sie, so verschieden und fremd sie waren, einander verstanden. Entsetzen und Ratlosigkeit habe alle ergriffen, heißt es. Für Außenstehende aber sah das so aus, als wären sie betrunken, „voll von süßem Wein“.

Also – auf diese zweifache Erfahrung mit der Bibel konnte der Bildhauer zurückgreifen, als er sich zur Gestaltung der zwölf Apostel entschloss.

Doch damit, dass Lindow sich vom „Pfingstwunder“ herausfordern und „provozieren“ ließ, schuf er seinerseits eine handfeste „Provokation“. Denn seine Apostel machen die Betrachterin und den Betrachter (auf den ersten Blick jedenfalls) ziemlich ratlos. Sie scheinen ganz und gar nicht zu dem zu passen, wie wir uns „Apostel“ vorstellen. Und sie sind auch schlichtweg gegen den Strich traditioneller Ikonographie gebürstet.

Ist das Zufall? Ganz und gar nicht. Denn dem Schobüller Künstler ist eine Formen- und Farbensprache eigen, die will weder Instrument und schon gar nicht Ornament irgendeiner Tradition oder Verkündigung sein. Aber eben dies, dass sie einen eigenen Stellenwert hat und behält, wo immer sie sich auf biblische Themen bezieht, gerade das macht sie so bemerkenswert und aufregend. Sie ist frei von religiös-dogmatischen Fixierungen. Sie atmet den Geist der Freiheit. Darum vermag Lindow in seinem Dialog mit dem biblischen Wort eine höchst individuelle und eigenständige „Spiritualität der Gestaltung“ zu entwickeln.

Versuchen wir eine Annäherung an seine zwölf „flammenden Apostel“, wie wir sie im Altarraum vor uns sehen – in acht Punkten:

  1. Lindows künstlerische Gestaltung ist nicht abbilden oder nachbilden, sondern bilden. Das bedeutet: Ihm geht es im Grunde immer darum, das Wesen dessen, was gebildet und gestaltet wird, sichtbar, erkennbar zu machen. Er ist getrieben von der Suche nach der Wirklichkeit hinter den sichtbaren Dingen. Darum kann er bei seinen Apostel-Skulpturen so viel weglassen, was für uns zur Tradition und zum vertrauten Bild des Apostels gehört. Darum kann er sie auf ihren Zeichen- und Symbolcharakter reduzieren.
  2. Hier mag der Grund liegen, warum seine Formen- und Farbensprache auf den ersten Blick nicht selten fremdartig anmutet und ratlos macht. Sie mutet uns etwas zu. Sie fordert uns heraus. Sie ist im wörtlichen Sinn „Provokation“. Und will es auch sein. Doch was sie uns zumutet, ist nichts anderes als die Zumutung der Freiheit. Mit anderen Worten: Lindows Gestaltung der Apostel will uns befreien zur Phantasie und ermutigen zu Assoziationen, eigenen Gedanken und Deutungen. Sie will mit uns in einen Dialog treten, in dem wir dann lernen, genauer hinzusehen und Neues entdecken.
  3. Wenn es in Lindows Formen- und Farbensprache darum geht, das Wesen der Apostel erkennbar und sichtbar zu machen, dann ist die Frage – worin besteht es? Wie lässt sich die Wirklichkeit der Apostel beschreiben, die das Ereignis von Pfingsten an sich erfahren haben? Wirklichkeit und Wirkung des Heiligen Geistes werden zunächst an den Köpfen der Männer sichtbar. „Wind“ und „Feuer“ finden hier eine Gestalt, die eigenwilligem Kopfschmuck oder merkwürdig geformten Kronen gleicht. Man spürt geradezu die Lust, Freude und Phantasie des Bildhauers, immer neue und andere Formen für die Feuerzungen zu ersinnen. Ihre Formenvielfalt ist nicht nur ein Reflex für die unwiderstehliche Dynamik und Kraft des pfingstlichen Geistes. Sie ist zugleich ein Zeichen dafür, dass der Heilige Geist alles andere als ein „Gleichmacher“ ist. Es ist ein und derselbe Geist, der Pfingsten über alles Fleisch ausgegossen wird, sagt die Bibel. Doch wirkt er sehr verschieden und findet von Mensch zu Mensch eine höchst individuelle Ausprägung. „Es sind verschiedene Gaben; aber es ist ein Geist, der einem jeden das Seine zuteilt, wie er will“, heißt es beim Apostel Paulus. (1. Korinther 12,4.11) Eben dies machen die Feuerzungen in Lindows Formen- und Farbensprache deutlich.
  4. Die Körper seiner Apostel nehmen unter dem Einfluss der pfingstlichen Feuerzungen eine Form an, die an antike Buch- und Torarollen erinnert. Diese Assoziation drängt sich mir auf. Schon in der traditionellen Ikonographie seit dem Mittelalter sind Schriftrolle oder Buch allgemeines Kennzeichen der Apostel. Lindow scheint daran anzuknüpfen, doch mit einem bezeichnenden Unterschied. Bei ihm halten die Apostel Schriftrolle oder Buch nicht mehr in den Händen. Nein, ihre Leiber, sie selbst werden zu einem Element des Wortes. Dies erinnert an eine aufregende Szene beim Propheten Ezechiel. Als Gott ihn beruft, heißt es: „Du Menschenkind, du musst diese Schriftrolle, die ich dir gebe, in dich hinein essen und deinen Leib damit füllen. Da aß ich sie, und sie war in meinem Munde so süß wie Honig.“ (Ezechiel 3,3) Was dem Propheten in seiner Berufung widerfährt, eben das erfahren die Apostel im Pfingstwunder. Und es ist, als habe Lindow den Vorgang des Essens einer Schriftrolle an den Körpern der Apostel sichtbar, an ihren Leibern ablesbar gemacht.
  5. Nicht weniger bemerkenswert ist die Farbgebung der Körper. Die Farbe ist ganz von ihrem Gegenstand befreit. Lindow folgt einem eigenen inneren Alphabet der Farben. Das aber scheint hier anzuspielen auf die liturgischen Farben des Kirchenjahres und dort trefflich die Emotionen und Affekte der Herzen der Apostel zu visualisieren. „Brannte nicht unser Herz in uns, als er mit uns redete und uns die Schrift öffnete?“ (Lukas 24,32) erklären einmal zwei Apostel, als ihnen auf dem Weg nach Emmaus der Auferstandene begegnet. „Brannte nicht unser Herz in uns!“ Ja, das Wort Gottes, das Wort der Schrift, der hebräischen Bibel, brennt tatsächlich lichterloh in den Herzen dieser Geistbegabten. Die Farbgebung der Körper zeigt es.
  6. Kein Apostel gleicht dem anderen. Jeder ist anders gestaltet. Lindow demonstriert das besonders eindrücklich an den Gesichtern. Nur grob aus dem Holz herausgeschält, haben sie etwas Naives, Archaisches, Ursprüngliches. In ihren Gesichtszügen hat die Zeit sichtbar Spuren hinterlassen. Offensichtlich wollen seine Apostel weder die zweitausend Jahre verbergen, die seither vergangen sind, noch wollen sie uns vergessen lassen, aus welchem Holz sie ursprünglich geschnitzt, also wer sie waren, bevor Jesus Christus sie berufen hat und der pfingstliche Geist über sie gekommen ist. Die Apostel sind ja, was ihre Herkunft angeht, alles andere als eine homogene Gruppe. Dazu gehört zum Beispiel Simon, der Zelot. „Zeloten“ waren Leute, die mit Gewalt das römische Joch abschütteln wollten. Dazu gehört Matthäus, der Zöllner, also einer, der vor seinem Ruf in die Nachfolge Jesu andere ausgebeutet und betrogen hat; ein Zweifler wie Thomas gehört zu den Aposteln und ein Verleugner wie Petrus und nicht zuletzt ein Mann wie Paulus, der vor seinem Damaskuserlebnis ein grausamer Verfolger der Christen war. Man kann sich jedenfalls fragen, ob die Gesichter der Apostel, wie Lindow sie gestaltet hat, nicht noch etwas von ihrer Herkunft spiegeln? Warum nicht auch einmal unter diesem Blickwinkel die Skulpturen betrachten und Details seiner „Spiritualität der Gestaltung“ entdecken?
  7. So verschieden nun die zwölf Apostel sind, was ihre Form- und Farbgebung angeht, etwas ist ihnen gemeinsam. Sie haben alle eine verborgene Mitte, eine innere Kraft, die sie zutiefst erfüllt und verbindet und sie eine gemeinsame Sprache sprechen lässt – das Wort. Gemeint ist das „Wort vom Kreuz“, das nach Paulus der Welt ein Ärgernis und eine Torheit ist, aber den Aposteln eine Gotteskraft. (1.Korinther 1, 18 ff). Zu „Kündern“ und zu „Narren“ dieses Wortes macht sie der Geist von Pfingsten mit seinen Feuerzungen. Dass die Apostel auch Narren sind, hat aber ihre tiefste Begründung in der „Torheit Gottes“ selber. Denn es ist Gott selbst, der nicht nur die Weisheit der Welt als Torheit entlarvt hat, sondern sich das „Törichte in der Welt“ – gemeint ist das „Kreuz Jesu Christi“ – erwählt hat. Davon jedenfalls ist der Apostel Paulus überzeugt, dass „das Törichte an Gott weiser ist als die Menschen, und das Schwache an Gott stärker als die Menschen“. So gesehen ist es alles andere als verwunderlich, dass auch die Apostel Lindows ein klein wenig „verrückt“, „außer sich“ und „närrisch“ erscheinen. Die bizarren Formen der Feuerzungen und Köpfe, der Arme und Hände zeigen es. Allem ist ein leiser Unterton von Witz und hintergründigem Humor eigen. Nach Meinung des Apostels Paulus jedenfalls dürfen die Zwölf nicht nur, nein, sie müssen „Narren Gottes“ sein. Und wie hieß es schon im biblischen Pfingstbericht? Außenstehende „entsetzten“ sich und meinten, die Geistbegabten wären „voll von süßem Wein“ (Apostelgeschichte 2, 12-13).
  8. Lindows Gestaltung lässt keinen Zweifel daran, dass den Aposteln das „Wort“ etwas fürchterlich Lebendiges war; etwas wie eine kraftgeladene Energie, die sie alles zurücklassen und aufbrechen ließ. Das hat er nicht nur an den Gesichtern seiner Apostel-Skulpturen deutlich gemacht, die ganz Mund, also Wort und Verkündigung sind. Sondern ganz besonders auch an der Bewegung der Arme und Hände, die hier loben und beten, dort empfangen und geben, hier reden und schweigen und dort leiden und tanzen. Pfingstliche Begeisterung drückt sich in ihnen aus und die ganze Farbpalette menschlicher Gefühle, Affekte und Empfindungen. Ist es Zufall, dass Lindows Apostel keine Füße haben? Durchaus nicht. Denn gerade so setzt der Bildhauer ein Zeichen: Es sind nicht die Apostel die laufen. Es ist in Wahrheit immer nur das Wort, das läuft; „schnell läuft“, wie der Psalmbeter erfahren hat. (Psalm 147,15)

Ich breche hier ab in dem Wissen, dass es an den Apostel-Skulpturen Ulrich Lindows viel mehr wahrzunehmen und zu entdecken gibt, als ich hier angesprochen habe. Haben Sie Mut zu eigenen Sehweisen und Deutungen. Lindows Sprache der Formen und Farben ist höchst kreativ.

Nur dies sollte an den „Flammenden Aposteln“ deutlich werden, was für die biblischen Arbeiten Ulrich Lindows insgesamt kennzeichnend ist – eine Spiritualität der Gestaltung, die lebendig ist und reich an überraschenden Details und dabei nicht ohne leisen Unterton von Witz und Humor. „Über die Bauart lang dauernder Werke“ hat Bert Brecht einmal gesagt, dass man nicht mit ihnen fertig wird und dass sie nicht verfallen, solange sie Mühe machen.

Beides gilt für die Apostel-Skulpturen Ulrich Lindows.

Predigtreihe zur Ausstellung

  • 23.05.2010 Pfingstsonntag Pauluskirche Eröffnung
    der Ausstellung Einweihung des neuen
    Gemeindehauses Pn. Bruweleit
  • 30.05.2010 Ansgarkirche P. Viertel
  • 06.06.2010 Pauluskirche Pn. Lander Laszig
  • 13.06.2010 Ansgarkirche Propst i.R. Sontag
  • 20.06.2010 Pauluskirche P. Mahler
    Ende der Predigtreihe
  • 27.06.2010 Ansgarkirche NN Finissage

 

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Tageslosung

19.05.2012

So sollst du nun wissen, dass der HERR, dein Gott, allein Gott ist, der treue Gott, der den Bund und die Barmherzigkeit bis ins tausendste Glied hält denen, die ihn lieben und seine Gebote halten.

5.Mose 7,9